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Rede anlässlich der Mahnwache der JGEW am Tag des Gedenkens an die Opfer des Nationalsozialismus

27. Januar 2009

Am 27. Januar 1945 erreichten die Truppen der Roten Armee das Konzentrationslager Auschwitz. „Den Betrieb der Gaskammern hatte man bereits zwei Monate zuvor eingestellt, die meisten überlebenden Häftlinge befanden sich auf Todesmärschen in Richtung Westen. Glück hatten die wenigen, die nun von der sowjetischen Armee befreit wurden, unter ihnen Otto Frank, der Vater Anne Franks. Die SS hatte, bevor sie sich absetzte, noch 29 der mit den Kleidern der Opfer gefüllten Lagerhallen in Brand gesetzt, sechs blieben erhalten; die Sowjets fanden hier 836 255 Frauenkleider, 348 000 Anzüge und 38 000 Paar Männerschuhe.“

Das Unfassbare, was die Soldaten vorfanden, hielten sie, unleugbar, in Berichten, Bildern und Filmen fest. Diese Dokumente, so schwer es auch fallen mag, sich damit zu befassen, lassen die grausamen Schicksale jedoch nur erahnen, die millionenfach von Menschen ertragen werden mussten, ertragen werden mussten von Juden, Sinti und Roma, von Homosexuellen, Sozialisten, Kommunisten, Gewerkschaftern, Polen und Russen, von geistig oder körperlich behinderten Menschen, ertragen werden mussten von aufrechten Christen und Angehörigen anderer Religionsgemeinschaften, die sich dem Faschismus verweigerten, ertragen werden mussten von Alten und Jungen, von Familien, von Frauen, Männern, Kindern.

Es sind die Berichte der Überlebenden, die uns einen Eindruck dessen vermitteln, was Menschen Menschen antun können. Sie berichten uns davon, wie aus Vorurteilen und Ablehnung Ausgrenzung wurde, wie Ausgrenzung sich über Vertreibung zur Verfolgung steigern ließ und wie diese Verfolgung schließlich mündete in die massenhafte, bewusst vorbereitete, strategisch geplante und erbarmungslos durchgeführte industrialisierte Ermordung von Millionen Menschen, die im weiten Feld der menschlichen Grausamkeiten doch einzig dasteht und auch mit dem Hinweis auf die Verfehlungen anderer nicht relativiert werden kann.

Es sind die Berichte der Überlebenden, welche Hannah Arendt das vergangene Jahrhundert als das „grausamste der überlieferten Geschichte“ bezeichnen ließ.

Es sind die Berichte der Überlebenden, welche uns schaudern lassen und immer wieder in der Frage münden: „Wie konnte das nur geschehen?“.

Diese Frage ist schmerzhaft, denn sie führt uns hinein in die dunkelsten Abgründe unserer eigenen Existenz. Es nimmt daher nicht wunder, dass viele die Auseinandersetzung mit dem Geschehenen scheuen, forderte dies doch auch eine Befragung seiner selbst. Schon 1949 beklagte Bundespräsident Theodor Heuss, dass „manche Leute in Deutschland die Untaten des III. Reichs zu rasch vergessen wollen“ und es bedurfte 20 Jahre später der drängenden Fragen der Kinder an ihre Eltern, um die eigentliche Aufarbeitung überhaupt erst ernsthaft zu beginnen. Dies war sicher ein schwieriger und schmerzhafter gesellschaftlicher Prozess, der tief in die Familien hineinreichte, doch er war nötig für das eigene Bestehen der Demokratie vor sich selbst. Auch dafür danken wir der Generation der sogenannten 68er.

Doch die Zahl derer, die heute, am Stammtisch oder im Feuilleton, nach einem „Schlussstrich“ rufen, nimmt nicht ab, und es ist in diesem Zusammenhang ein schlimmes Zeichen, dass ein aus Deutschland stammender Papst vor drei Tagen einen exkommunizierten Priester rehabilitiert, der, wie nicht wenige andere, gar leugnet, was doch nicht geleugnet werden darf, weil es gar nicht geleugnet werden kann.

Auch deshalb fällt vielen die Auseinandersetzung mit dem Holocaust schwer, weil im Gedenken an die Opfer auch immer die Mahnung zum Nachdenken über die eigene Zeit, die eigene gesellschaftliche Gegenwart, enthalten ist, und weil im Gedenken auch unweigerlich die Aufforderung an uns alle verankert ist, zu den Dingen und Geschehnissen nicht zu schweigen, die sich weltweit und auch in unserer Demokratie gegen die Menschenwürde und gegen das Menschsein an sich richten.

Auch wenn die Relationen und Umstände andere sein mögen und niemand einen direkten Vergleich ziehen möchte: wer von Dachau weiß, kann Guantanamo nicht gutheißen, weil er die Richtung erkennt, aus der es kommt – und zu der es führen kann.

Wer die Irrfahrt der St. Louis kennt, 930 Flüchtlinge, die 1942 überall unerwünscht waren und von denen 660 nicht mit dem Leben davonkamen, sieht die Flüchtlingsboote vor Lampedusa oder der griechischen Küste vielleicht mit anderen Augen.

Wem von den –rechtlich abgesegneten- Enteignungen und Vertreibungen zu Beginn der Nazidiktatur berichtet wurde, die von einer gut funktionierenden Administration uneingeschränkt umgesetzt wurden, kann sich einem schlechten Gefühl nicht entziehen, wenn auch hier und heute langjährige, bestens integrierte Nachbarsfamilien nächtens von Polizei und Ausländerbehörde in Hand- und Fußfesseln unter Zurücklassung ihrer Besitztümer abgeführt werden, auseinandergerissen und irgendwo einem Schicksal überlassen, das die Abschieber dann nicht mehr kümmert.

Wer die Rhetorik der LTI kennt, der Sprache des Dritten Reiches, wie eines seiner Opfer, Viktor Klemperer sie nannte, dem wird z.B. folgende Äußerung des CDU-Landtagsabgeordneten Hans-Jürgen Irmer zur Abschiebungsproblematik, gespenstisch bekannt vorkommen: „Wer nicht pariert, der gehört gegebenenfalls gefesselt und geknebelt, bis der Zielort erreicht ist. Die Humanitätsduselei Menschen gegenüber, die diesen Staat ausbeuten, muss einfach ein Ende haben.“

All dies und viel mehr zu sehen und nicht zu negieren, es offen anzusprechen und Widerstand zu leisten gegen Entwicklungen, die den Prinzipien einer aufgeklärten und offenen, demokratischen und pluralistischen Gesellschaft entgegenlaufen, soll uns dieser Gedenktag Ansporn sein. Dazu gehört auch, den einzig gültigen Schluss aus der deutschen Geschichte, „Nie wieder Faschismus, nie wieder Krieg“ ernst zu nehmen und in seiner Aussage nicht aufzutrennen. „Krieg ist Krankheit, keine Lösung“, sagt Eugen Drewermann, und in diesem Sinne ist es uns als Gewerkschaftern, die sich auch als Teil der weltweiten Friedensbewegung verstehen, eine Pflicht, deutscher Kriegsbeteiligung wie und wo auch immer entgegenzuwirken und darauf zu drängen, dass unser Land seine Rolle im Ausgleich und in der Vermittlung sucht – auch und gerade im Nahen Osten, wo Terror mit Terror bekämpft wird und es seit Jahrzehnten keine Gewinner, aber unzählige Verlierer gibt.

Ich bitte Sie, wenn wir nun die Kerzen entzünden, mit uns in einer Schweigeminute der Opfer von Faschismus und Fanatismus, von Krieg und Verfolgung, zu gedenken, im gemeinsamen Bestreben darum, dass so etwas nie wieder geschehen darf.

Ich danke Ihnen.

Tony Schwarz, Junge GEW Bergstraße, 27.01.2009

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