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Zur Diskussion über das "Ende der Arbeit"
Manifest gegen die Atmung
 
Eine Nachricht fasziniert Teile der Linken: Die Arbeit ist tot. Und die Menschen arbeiten nicht mehr um Geld zu verdienen, sondern aus innerer Überzeugung und alter Gewohnheit. Zumindest meint das die Gruppe "Krisis" in einem ausführlichen "Manifest gegen die Arbeit". Falls der "Krisis"-Kreis damit jemals recht hatte, dann hat die Arbeit ihr Ostern bereits hinter sich. Das Grab ist leer.
 
Es ist Nonsens zu streiten, wenn nicht die gleiche Sprache gesprochen wird. Was also meint das "Krisis"-Manifest mit dem Begriff Arbeit? Jede menschliche Tätigkeit? Dann wäre es ein Manifest gegen die Atmung. Aber nein, bereits (!) im Kapitel 5 heißt es: "Arbeit ist keineswegs identisch damit, dass Menschen die Natur umformen und sich tätig aufeinander beziehen." (Originalzitate stets kursiv gesetzt.) Somit ist nicht jede Form der Arbeit gemeint. Welche also? Die Lohnarbeit? Die entfremdete Arbeit? (Was nicht das gleiche ist.) Oder? Das "Krisis"-Manifest vermischt die Erscheinungsformen der Arbeit und verwandelt sie in eine metaphysische Kategorie: Die "Arbeit" wurde von bösen Menschen im ausgehenden Mittelalter erfunden, beherrschte und bedrückte seitdem die Gesellschaft, um schließlich wieder zu verschwinden, sich in nichts aufzulösen, so wie die Nacht, wenn der Morgen kommt. Sie hat keinen Vorläufer, es gibt in ihr keine eigene Entwicklung, sie verändert und wandelt sich nicht.
 
Dabei gibt es eine lange Geschichte der Arbeit, von der Urgesellschaft über die Sklaverei und den Feudalismus bis in die Gegenwart. Stets haben die Formen der Arbeit gewechselt, auch wenn sie immer Plackerei blieb. Selbst die moderne Lohnarbeit im Kapitalismus hat sich gewandelt und schließlich den Arbeitsmarkt gespalten.
 
Die dritte Welt schwappt in die Erste
 
Aus der Sicht des "Krisis"-Manifestes ist der "zweite Arbeitsmarkt" eine fiese Schikane: "Welchen anderen Sinn sollte es sonst machen, Arbeitslose zur Spargelernte auf die Felder zwangszuverpflichten?" Und es erklärt die moderne Welt so: "Durch die Simulation von ,Beschäftigung' und das Vorgaukeln einer positiven Zukunft der Arbeitsgesellschaft wird die moralische Legitimation geschaffen, umso härter gegen Arbeitslose und Arbeitsverweigerer vorzugehen. ... So wird der wuchernde Sektor von Billiglohn und Armutsarbeit massiv gefördert." Doch es handelt sich weder um eine ideologisch begründete Niedertracht noch zeigt das abstrakte Arbeitsethos hier seine wahre Fratze. Das Kapital nutzt nur seine neuen Möglichkeiten: Wenn ein Konzern so groß geworden ist wie ein mittlerer Staat, benötigt er die wirtschaftliche Vermittlungsfunktion eines "Heimatlandes" kaum mehr. Er wird zur unabhängigen, nicht mehr kontrollierbaren Struktur mit eigenem Produktivkraftniveau. Warum sollte er weiter der arbeitenden Klasse irgendeines Landes von seinem imperialistischen Extraprofit Krümel zuwerfen? Hiermit verstärken sich auch in den Zentren parallele Bereiche mit unterschiedlicher organischer Zusammensetzung des Kapitals. Die dritte Welt schwappt in die Erste.
 
Oder glaubt das "Krisis"-Team an den Endsieg des Robotereinsatzes ("In logischer Fortsetzung der Rationalisierung ersetzt elektronische Robotik menschliche Energie")? Dann hat es die neuere Entwicklung verschlafen. Die robotisierte Fabrik (CIM) steckt längst in der Krise und nicht umsonst wurde das "human capital" in den Vorstandsetagen neu entdeckt. Denn die robotisierte Fabrik erzwingt so etwas wie "Dienst nach Vorschrift" - und das ist eine Streikform im öffentlichen Dienst. Z. B. hat der VW-Konzern keine zweite "Halle 56" mehr errichtete und General Motors steckte 20 Mil- liarden Dollar in die CIM-Autoproduktion, mit dem Ergebnis, dass die neuen Anlagen nie die Effektivität der alten erreichten. Der Computer hat die Produktion revolutioniert, aber nur durch eine neuartige Einbeziehung des Menschen. Die menschenleere Fabrik bleibt ein frommer Wunsch des Kapitals.
 
Zieht der Karren den Gaul?
 
"Die Geschichte der Moderne ist die Durchsetzungsgeschichte der Arbeit, die auf dem ganzen Planeten eine breite Spur der Verwüstung und des Grauens gezogen hat." So das Manifest gegen die Arbeit, und weiter: "Am Anfang stand nicht die angeblich ,wohlfahrtssteigernde' Ausdehnung der Marktbeziehungen, sondern der unersättliche Geldhunger der absolutistischen Staatsapparate, um die frühmodernen Militärmaschinen zu finanzieren. Nur durch das Interesse dieser Apparate, die erstmals in der Geschichte die ganze Gesellschaft in einen bürokratischen Würgegriff nahmen, beschleunigte sich die Entwicklung des städtischen Kaufmanns- und Finanzkapitals über die traditionellen Handelsbeziehungen hinaus. Erst auf diese Weise wurde das Geld zu einem zentralen gesellschaftlichen Motiv und das Abstraktum Arbeit zu einer zentralen gesellschaftlichen Anforderung ohne Rücksicht auf die Bedürfnisse." Die Gründer des Kapitalismus waren "die Condottieri der frühmodernen Söldnerhaufen, die Arbeits- und Zuchthausverwalter, Pächter der Steuereintreibung, Sklavenaufseher und andere Halsabschneider, die den sozialen Mutterboden für das moderne ,Unternehmertum' bildeten." Waren sie es wirklich?
 
Kam die Herrschaft der (Lohn-)Arbeit vor der des Kapitals? Beherrscht sie die Gesellschaft ("Arbeit ist ein gesellschaftliches Zwangsprinzip"), und nicht das Kapital?
 
So entstand der Kapitalismus in Deutschland: Erste Industriezentren bildeten sich in der Textilproduktion, z. B. in Krefeld, und sie entstanden aus dem Handwerk, das zunächst Hausindustrie wurde. Der Krefelder Seidenfabrikant von der Leyen beschäftigte bereits vor 1848 über 3000 Arbeiter, die daheim mit geliehenen Webstühlen arbeiteten. Die Erfindung der Dampfmaschine sorgte dafür, dass diese Arbeiter in Fabriken zusammenzogen wurden. Der Hunger der Dampfmaschinen nach Kohle machte den Aufbau der Zechen gewinnträchtig. Aus ehemals kleinen Dörfern wie Duisburg oder Essen wurden schnell große Städte. Die so erreichte Akkumulation von Kapital trieb die Industrialisierung voran. Doch noch im Jahr 1882 hatten in Deutschland von 1000 Betrieben nur 3 mehr als 50 Beschäftigte. Und noch 1907 waren über 60 Prozent der Beschäftigten nicht in der Industrie tätig. Nicht die Lohnarbeit, wie "Krisis" behauptet, sondern das akkumulierte Kapital hatte das Land fest im Griff.
 
Das Ende ist nah?
 
Hoffnung schöpft das "Krisis"-Manifest aus einem von ihm vorhergesagten Zusammenbruch des Kapitalismus. "Industrielle Unternehmen machen Gewinne, die gar nicht mehr aus der längst zum Verlustgeschäft gewordenen Produktion und dem Verkauf von realen Gütern stammen, sondern aus der Beteili- gung einer ,cleveren' Finanzabteilung an der Aktien- und Devisenspekulation." Und dort, wo spekuliert wird, an den Börsen "geht es längst nicht mehr um die Dividende, den Gewinnanteil an der realen Produktion, sondern nur noch um den Kursgewinn, die spekulative Wertsteigerung der Eigentumstitel". Kurz: Wir haben es heute mit einer "kasinokapitalistischen Simulation der Arbeitsgesellschaft" zu tun. Das kann nicht gut gehen: "Es ist nur eine Frage der Zeit, bis auch die Finanzmärkte der kapitalisti schen Zentren in den USA, der EU und Japan kollabieren."
 
Das Grundprinzip eines Kasinos ist es, dass viele verlieren und ganz wenige Gewinne einstreichen. Da die meisten Konzerne aber durchweg in den letzten Jahren satte Profite eingefahren haben, wäre die Börse die erste Spielhölle, die Geld aus dem Nichts schaffen kann. Das "Krisis"-Manifest erklärt dies als "fiktives Kapital", welches folgendermaßen entsteht: "Die Vernutzung gegenwärtiger Arbeit wird ersetzt durch den Zugriff auf die Vernutzung zukünftiger Arbeit, die nie mehr stattfinden wird." Nach dieser Erläuterung glaubt mensch es aufs Wort, dass der Kapitalismus bald zusammenbrechen muss. Erstaunlich, dass obwohl dieses "fiktive Kapital" selbst in den Massenkonsum einfließt, es noch nicht zu einer weltweiten rasanten Inflation gekommen ist. Auch irritiert mich die danach verwunderliche Dummheit der Konzernvorstände, die immer noch Geld für deutlich erhöhte Dividenden ausgeben, wo es doch an der Börse darum nicht mehr geht.
 
Ähnlich braven deutschen Finanzbeamten glauben die Manifest- Schreiber anscheinend die Konzern-Bilanzzahlen und berücksichtigen nicht, dass die Gewinne aus der Produktion in Niedrigsteuerländern geparkt oder gegen fiktive Auslandsverluste auf Null gerechnet werden. Völlig neu ist auch die Expansion der Finanzmärkte nicht. Bereits Anfang unseres Jahrhunderts gab es Ähnliches in England als Folge der Ausbeutung von Kolonien. 1899 waren in Großbritannien die Einnahmen der "Kuponschneider" fünfmal so groß wie die Jahres- einnahmen aus dem Außenhandel. So schrieb 1906 der Ökonom Schulze-Gaevernitz: "England wächst aus dem Industriestaat allmählich in den Gläubigerstaat. Trotz absoluter Zunahme der industriellen Produktion, auch der industriellen Ausfuhr, steigt die relative Bedeutung der Zins- und Dividendenbezüge, der Emissions-, Kommissions- und Spekulationsgewinne für die Gesamtwirtschaft. Es ist diese Tatsache meiner Meinung nach die wirtschaftliche Grundlage des imperialistischen Aufschwungs. Der Gläu- biger hängt mit dem Schuldner dauernder zusammen als der Verkäufer mit dem Käufer."
 
Analog halte ich die heutige Situation auf dem Finanzmarkt für eine Wiederspiegelung der durch den ungleichen Tausch mit der 3. Welt angehäuften Werte. Die Finanzspekulation wird zudem durch die Bedürfnisse der Produktivkraft Wissenschaft angeheizt. Denn die enorme Extraprofite versprechenden Techniken, wie Mikroelektronik, Gentechnik, Mikrotechnik ... verbrauchen zur Produktentwicklung Geldmengen, die früher unvorstell- bar waren. Dabei ist es unklar, ob diese Investitionen realisiert werden können oder ob die aufgewendeten Milliarden in den Wind geschrieben werden müssen. Anders gesagt: Kauft wer den neuen PC, oder warten alle bis wiederum ein noch neuerer erscheint? Das ist der reale Boden, auf dem die aufgeblasene Börsenspekulation gedeiht. Zusammenbrechen wird das System dadurch so wenig wie durch die Arbeitslosigkeit, die stets eine Bedingung des Kapitalismus war. Mit Lenin bin ich der Meinung, dass es für den Kapitalismus keine ausweglosen Situationen gibt.
 
Proletarier aller Länder, macht Schluss mit der Politik!?
 
Verdienste hat das Manifest gegen die Arbeit überall dort, wo es eine bornierte ökonomistische Sicht der Linken ans Licht bringt. Und dort, wo es konkrete Kritik der entfremdeten Arbeit leistet, sowie aller Verhältnisse in denen der Mensch Anhängsel oder Objekt der Technik ist. In seinen Kernaussagen ist es jedoch ein elegant formulierter Irrtum.
 
Welche Alternative zur heutigen Gesellschaft schlägt das "Krisis"-Manifest vor und wie könnte sie erreicht werden? Durch nichts was aus den gesellschaftlichen Verhältnissen kommt, sondern durch "Verweigerung und Rebellion ohne irgendein ,Gesetz der Geschichte' im Rücken. Ausgangspunkt kann kein neues abstrakt-allgemeines Prinzip sein, sondern nur der Ekel vor dem eigenen Dasein als Arbeits- und Konkurrenzsubjekt und die kategorische Weigerung, auf immer elenderem Niveau weiter so funktionieren zu müssen." Das ist schon logisch, denn wer die Geschichte der Arbeitsgesellschaft für eine bloße Schurkerei hält, für den ist auch eine neue Gesellschaft durch einen bloßen Willensakt möglich. Des weiteren bleiben die Vorstellungen verwaschen: "Die Eroberung der Produktionsmittel durch freie Assoziationen gegen die staatliche und juristische Zwangsverwaltung kann daher nur bedeuten, dass diese Produktionsmittel nicht mehr in der Form der Warenproduktion für anonyme Märkte mobilisiert werden." Ist das ein Aufruf zur Gründung von Landkommunen und Tauschcooperativen, die sich jenseits von Warenproduktion, Geld und Staat die Hände reichen? Falls ja, wodurch unterscheiden diese sich von vorherigen Versuchen? Und wieso sollte das Kapital (bzw. die Arbeit), falls es ihm gefährlich wäre, sowas akzeptieren? Bisher hat der Imperialismus keine Mittel gescheut, gegen alle sozialistischen Ansätze, von Russland 1917 bis Kuba, konzentriert vorzugehen. Ist ein kleiner schwacher Gegner etwa schwerer zu bekämpfen als ein großer starker?
 
Unangenehm wird das "Krisis"-Manifest für die Linke dadurch, dass es eine prima Rechtfertigungsideologie für Aussteiger aus der Politik abgibt. Gerade in Nischenexistenzen abgedrängte Genoss/inn/en, die als Trödelmarktverkäufer o. ä. ihr schmales Auskommen haben, können nun ihren bereits begonnenen politischen Rückzug theoretisch überhöhen. Mensch kann passiv sein und sich ohne Gewissensbisse wunderbar dabei fühlen, hat mensch doch der Arbeitsgesellschaft den Rücken gekehrt. Zudem ist der Kampf gegen das System ein "antipolitischer", wie das Manifest gegen die Arbeit meint, also good bye "alte Linke" und politische Arbeit, ich bin doch der Bessere. Das "Krisis"-Manifest endet mit: "Proletarier aller Länder, macht Schluss!" Warum nicht gleich: Den Kampf der Arbeiter im Tal vom Papier-Berg aus beobachten?
 
Herbert Steeg
 
aus *UZ* unsere Zeit, Zeitung der DKP, Nr.03 vom 21. Januar 2000
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