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Der Krieg ist längst verloren

John le Carré wird 70 - Kritik am Afghanistan-Konflikt und an Blair

"Der Kampf gegen den Terrorismus wird künftig Hauptaufgabe der Geheimdienste sein. Wir brauchen sie, um herauszufinden, wer uns als nächstes in die Luft jagen wird." Diese Worte stammen von jemandem, der es wissen muß: Der britische Spionageautor John le Carré ("Der Spion, der aus der Kälte kam") hat sich wenige Monate vor seinem 70. Geburtstag (19.) offener als je zuvor zu seinem Agentenleben bekannt.

John le Carré hat die Militärschläge in Afghanistan als furchtbare, aber "notwendige Polizeiaktion" bezeichnet. In einem Beitrag für die Frankfurter Allgemeine Zeitung" (Mittwochsausgabe) gab sich le Carré aber skeptisch: "Nach den üblichen Gesetzen des Terrorismus ist dieser Krieg natürlich längst schon verloren."Es könne kaum verhindert werden, daß der mutmaßliche Drahtzieher der Anschläge vom 11. September in den USA, Osama bin Laden, zum "Erzmärtyrer" seiner Gefolgsleute werde und daß nach einer Vernichtung Bin Ladens dessen Schattenarmeen eher weiteren Zulauf erhalten als verschwinden werden".

Zudem dürfte sich bin Laden laut le Carré "in seiner Höhle die Hände reiben, wenn wir jetzt genau die Dinge tun", die Terroristen vom Schlage bin Ladens so schätzten: "Wenn wir Polizei und Geheimdienste eilends verstärken und mit noch mehr Befugnissen ausstatten, die bürgerlichen Rechte suspendieren und die Pressefreiheit einschränken, Nachrichtensperren verhängen und stille Zensur ausüben, wenn wir einander ausspionieren und im schlimmsten Fall Moscheen überfallen und Leute hetzen, deren Hautfarbe uns ängstigt."

Dem britischen Premier Tony Blair, "Amerikas eloquentem weißem Ritter", hielt der Autor vor, sich in einem Traum zu bewegen, aus dem es nur ein böses Erwachen gebe. Das Großbritannien, das Blair regiere und in den Krieg führe, "krankt an institutionalisiertem Rassismus, an der Vorherrschaft weißer Männer, an chaotischen Polizeistrukturen, an einer überbelasteten Justiz, an obszönem privatem Reichtum und einer beschämenden unnötigen öffentlichen Armut".

Anstatt hier Abhilfe zu schaffen, führe Blair sein Land mit nobler Erregung in den Krieg". Es mache ihm Angst, schreibt le Carré, wenn er diese leuchtenden Politikergesichter sehe und diese jugendlichen Politikerstimmen höre, die mich zur Schlacht rufen".

Nach dem Ende des Kalten Kriegs hat die westliche Welt nach Ansicht des Autors die "einmalige Chance" versäumt, die Welt neu zu gestalten" und gegen Armut, Hunger, Tyrannei, Drogen Rassismus und religiöse Intoleranz in der Welt vorzugehen. In der gegenwärtigen Situation gehe es "nicht um eine neue Weltordnung, noch nicht, und es ist nicht Gottes Krieg", sondern um eine furchtbare, notwendige, demütigende Polizeiaktion, die das Versagen unserer Geheimdienste wettmachen soll und unsere politische Blindheit, die uns dazu brachte, islamische Fanatiker zu bewaffnen und als Kämpfer gegen die sowjetische Invasion zu instrumentalisieren". Man werde sich nie wieder so sicher fühlen wie zuvor, schrieb le Carré. (dpa)

Darmstädter Echo, 18.10.2001

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