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"Medienbild hatte mit der Realität nichts zu tun""Ethnische Säuberungen" im Kosovo hat es vor der NATO-Aggression von 1999 nicht gegeben. Ein Gespräch mit Dietmar HartwigCathrin Schütz Der ehemalige Bundeswehroffizier Dietmar Hartwig war Leiter des Kosovo-Regionalbüros der europäischen Beobachtermission ECMM. Bis kurz vor Beginn des NATO-Angriffs auf Jugoslawien im März 1999 waren er und die europäischen Beobachter vor Ort Frage: Staaten wie die USA und Deutschland rechtfertigen die Anerkennung der völkerrechtswidrigen Abspaltung des Kosovo mit dem Argument, Serbien habe wegen der ethnischen Säuberungen an den Kosovo-Albanern Ende der 1990er Jahre sein moralisches Recht auf das Kosovo verspielt. Was haben Sie als Augenzeuge im Kosovo erlebt? Massive, gar staatlich gelenkte Verbrechen gegen die Bevölkerung wie ethnische Säuberungen waren mir in der Zeit zwischen Ende 1998 und dem Ausbruch des NATO-Kriegs weder aus den Berichten der Beobachter noch aus den Gesprächen mit führenden kosovo-albanischen Politikern bekannt. Dennoch sprachen die Medien ständig von einer grundlosen Brutalität der serbischen Sicherheitskräfte gegen die Bevölkerung. Gleichzeitig verschwiegen sie die Angriffe der selbsternannten kosovo-albanischen "Befreiungsarmee" UCK auf staatliche Einrichtungen und auf serbische Personen. Die Medieninformationen, die mir während meiner Zeit im Kosovo und danach vorlagen, zeigen ein Bild, das mit der Realität nichts zu tun hatte. Serbische Sicherheitskräfte haben in aller Regel auf UCK-Angriffe nur reagiert, sie sind nicht grundlos tätig geworden. Gerade in der Zeit der ständig zunehmenden Angriffe der UCK auf jugoslawische Polizei- und Militäreinrichtungen hat sich die serbische Exekutive in bemerkenswerter Weise zurückgehalten. Frage: Im Herbst 1998 wurde die Option eines NATO-Angriffs zur Rettung der kosovo-albanischen Bevölkerung vor dem Wüten der Serben ins Spiel gebracht. Was spielte sich im Kosovo 1998/99 ab? Seit November 1998 gab es den typischen Kampf einer Untergrundarmee gegen einen Staat. Polizisten, hin und wieder auch Funktionäre wie Bürgermeister und auch einfache Bürger, wurden durch die UCK verletzt oder ermordet, Fahrzeugstreifen der Polizei beschossen, deren Wege vermint, Polizeistationen und später dann auch Militäreinrichtungen angegriffen. Die Terroristen attackierten dabei aus dem Hinterhalt, verschwanden und mischten sich unauffällig unter die ansässige Bevölkerung. Die Sicherheitskräfte durchsuchten die Dörfer und Häuser, um die Täter zu ermitteln. Oft wurden sie dabei durch Heckenschützen beschossen. Das ließ die Reaktionen eskalieren - die unbeteiligte Bevölkerung geriet zwischen die Feuer der UCK und der Sicherheitskräfte. Die Dörfler flohen bald schon präventiv nach einem Überfall auf die Serben aus ihren Ortschaften. Frage: Die UCK wollte also die Zivilbevölkerung in ihren Kampf gegen die Serben hineinziehen? Mit einer möglichst großen Zahl angeblich durch Serben Ermordeter wollte man wohl Journalisten die "Grausamkeit der serbischen Sicherheitskräfte" vorführen. Opfer der UCK waren nicht nur Serben, sondern auch eigene Landsleute, die für die serbische Verwaltung oder serbische Geschäftsleute arbeiteten oder einfach die UCK nicht aktiv unterstützen wollten. Wissen Sie, der Kampf gegen einen unsichtbaren, aber nicht untätigen Feind gehört zu den schwierigsten polizeilichen und militärischen Operationen. Seit etwa Mitte Januar 1999 wurden durch die UCK im Schnitt täglich zwei Polizisten ermordet, weitere schwer verletzt. Damit wurden die Reaktionen der Exekutive zunehmend provoziert und forciert. Auch bestand der begründete Eindruck, daß die UCK das Ziel eines unabhängigen Kosovo ohne serbische Bevölkerung verfolgte. Seit Februar 1999 hätte es den allermeisten Politikern klar sein müssen, daß ein Krieg gegen die Serben die "Büchse der Pandora" öffnen würde. Es war absehbar, daß der Krieg zu Chaos führen und aufgestauter Haß auf beiden Seiten in kriminellen Übergriffen abreagiert werden würde. Ich bin überzeugt, daß erst der NATO-Krieg die Möglichkeiten für die Verbrechen schuf, die in dieser Zeit verübt wurden. Frage: William Walker, seinerzeit Leiter der OSZE-Beobachter im Kosovo, behauptete, man würde heute nicht von der Unabhängigkeit des Kosovo reden, hätte es keinen Milosevic und keine Massaker an Zivilisten gegeben. Während seiner Zeit im Kosovo hat Walker den Ausdruck "Massaker" ein einziges Mal benutzt - knapp zwei Stunden, nachdem im Dorf Racak Tote gefunden wurden. Ohne jeden Hinweis behauptete er in einer eiligst einberufenen Pressekonferenz, die Serben hätten dieses "Massaker" verübt. Walker ist politischer Beamter und Befehlsempfänger der US-Regierung. Die USA haben damals den Kosovo-Albanern nicht nur Hoffnungen und Zusagen gemacht, sondern wohl auch den Aufbau der UCK ideell und materiell unterstützt. Racak diente der NATO schließlich als Kriegsauslöser. Wenn Walker jetzt Milosevic als Kriegsgrund und Grund für die Unabhängigkeit des Kosovo nennt, dann ist das sein eigenes politisches und persönliches Armutszeugnis. junge Welt 26.02.2008 |
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