DKP Homepage Logo PDS DKP Offene Liste DKP Darmstadt
info@dkp-darmstadt.de

Politische Ökonomie des Selbstmords

31. Mai 2006, Vidarbha, Bundesstaat Maharashtra. Eine Bürgerinitiative schließt das inoffizielle Sterberegister, das sie seit dem 1. Juni 2005 über Bauernselbstmorde in Vidarbha, einer ländlichen Region im Osten Maharashtras geführt hat. Sie verzeichnet in diesem Zeitraum 540 Selbstmorde stark verschuldeter Kleinbauern, davon allein 325 seit Jahresanfang. Von Bauernselbstmorden wird seit Jahren in vielen Teilen Indiens berichtet, insbesondere auch in dem an Vidarbha angrenzenden Bundesstaat Andhra Pradesh. Aber die Intensität der Suizidwelle in diesem Teil eines Bundesstaates, der keineswegs zu den armen zählt, sondern auf besonders hohe Wachstumsraten und die Boom-Metropolen Mumbai und Pune verweisen kann, wurde nun doch zu einem Thema mit nationaler Brisanz. Der indische Premierminister entschloss sich Ende Juni zu einem zweitägigen Besuch in dieser entlegenen Region.

Der Hintergrund der verbreiteten Verzweiflung unter den Kleinbauern ist nicht im Wetter zu suchen, sondern in der Politik der "Liberalisierung". Wir haben es, so argumentiert die Wirtschaftswissenschaftlerin Jayati Ghosh, mit einer "politischen Ökonomie des Suizids" zu tun. Hier verbinden sich vielfältige neoliberale Maßnahmen der Zentral- und Bundesstaatsregierungen zu einem gordischen Knoten, der von den Familien der Kleinbauern nicht mehr aufgelöst werden kann. Das Problem beginnt damit, dass der Abbau von Ein- und Ausfuhrbeschränkungen für Agrarprodukte und der fabrizierte Niedergang des staatlichen Systems der Getreidebevorratung und -verteilung zu stärkeren Schwankungen in den Agrarpreisen und Einkünften der Bauernhaushalte geführt hat. In Vidarbha stellten aufgrund der damals hohen Weltmarktpreise etwa die Bauern in den 1990ern einen großen Teil der Landwirtschaft auf Baumwollproduktion um. Inzwischen sind die Preise in den Keller gefallen, und die Bauern konkurrieren direkt gegen die hoch subventionierten Produkte des US-amerikanischen Agro-Business. Hinzu kommt, dass die Betriebskosten der Landwirte gleichzeitig enorm angestiegen sind. Das hängt vor allem mit der weltbankverordneten Politik der Deregulierung und des Subventionsabbaus zusammen. Während die Großindustrie auf verschiedene Weise (z. B. in Form der "Special Economic Zones") steuerlich entlastet wird, sind die staatlichen Ausgaben für die ländliche Infrastruktur nicht nur prozentual, sondern sogar absolut reduziert worden. Investitionen in Bewässerungsanlagen sind zurückgefahren worden, und in neoliberalen Musterbundesstaaten wie Andhra Pradesh und Maharashtra wurden bestehende Bewässerungsanlagen sogar stillgelegt, wenn die Bauern nach Abbau der Subventionen die Wassertarife nicht mehr bezahlen konnten. Staatliche Einrichtungen zur Versorgung der Bauern mit preisgünstigem und qualitätskontrolliertem Saatgut und weiteren Arbeitsmitteln wurden dem Verfall überlassen. Eine Vielzahl privater, unkontrolliert agierender Saatguthändler trat an ihre Stelle. Diese verlangen nicht nur höhere Preise, sondern vertreiben häufig auch minderwertiges Saatgut. Die (immer noch weitgehend staatlichen) Banken haben sich aus der Vergabe von Krediten an Kleinbauern zurückgezogen, die damit auf private Geldverleiher, die oft zugleich Saatguthändler sind, angewiesen sind. Diese so genannten "new sahukars" ("neue Geldverleiher") sind oft zugleich Saatguthändler, verlangen wesentlich höhere Zinsen als die Banken und sind nicht selten darauf aus, ihre Schuldner zur Überschreibung ihres Bodens zu zwingen. Der Abbau der Subventionen für Kunstdünger und Treibstoff führt zu weiteren Steigerungen der Betriebskosten. Andere Aspekte neoliberaler Politik haben zu einer Erhöhung der Lebenshaltungskosten geführt, welche die ländlichen Armen in vielen Gegenden zur Reduzierung ihres Lebensmittelkonsums nötigen. Ein bedeutender Faktor sind hier die steigenden Kosten für Krankenversorgung. Das indische Gesundheitswesen gehört zu den privatisiertesten der Welt: Fast 80 Prozent der Gesundheitsausgaben werden privat finanziert. Die Vernachlässigung der ländlichen Infrastruktur im Zeichen staatlicher Sparpolitik hat vielerorts zu einer Verkümmerung der ohnehin unzureichenden Gesundheitseinrichtungen geführt. Ärztliche Behandlungskosten sind deshalb zu einer wichtigen Ursache für die Verschuldung bäuerlicher Haushalte geworden. Eine andere Seite dieses Problems wird darin deutlich, dass (nach UN-Angaben) jedes elfte indische Kind in den ersten fünf Lebensjahren stirbt, weil einfache und billige Gesundheitsmaßnahmen nicht ergriffen werden können.

Als Manmohan Singh am 30. Juni in Vidarbha eintraf, war die Suizidziffer auf über 600 angestiegen. Der Premierminister sprach mit Familien der Selbstmordopfer und seiner ausführlichen öffentlichen Stellungnahme ist eine gewisse Erschütterung anzumerken. Er sagte eine Paket von Sofortmaßnahmen sowie die Entwicklung einer politischen Strategie zur Überwindung des bäuerlichen Verschuldungsproblems in ganz Indien zu. Wirksame Maßnahmen, die über den berühmten Tropfen auf den heißen Stein hinausgehen, werden allerdings unweigerlich in Konflikt mit den politischen Prämissen des indischen "Liberalisierungswunders" geraten, die der Premierminister selbst maßgeblich formulierte. Entscheidender ist jedoch sicherlich, dass eine solche Politikwende mit dem erbitterten Widerstand jenes mächtigen gesellschaftlichen Blocks rechnen muss, der die Früchte der "Liberalisierung" in vollen Zügen genießt. Für die Kleinbauern sind dies Früchte der Verzweiflung. Wann sie zu Früchten des Zorns werden, lässt sich derzeit noch nicht absehen.

Leer
Home
Veranstaltungen
Newsletter DKP Online
Infobrief IDDD
das rote blatt
Fraktion DIE LINKE.
Programm & Diskussion
Weitere Artikel:
· Demokratie & Antifa
· Krieg & Frieden
· Arbeit & Soziales
· Jugend & Bildung
· Frauen
· Umwelt
· Geschichte
· Chemie-Werker Merck
· Kranichstein
· Unser Weg
Kontakt/Service:
· EMail an uns
· Datensicherheit
· Ausgang, Links


Google

Fünf-Finger-Turm

(RSS)
Leer