DKP Homepage Logo PDS DKP Offene Liste DKP Darmstadt
info@dkp-darmstadt.de

Afghanisches Blut ist billiger

Warum wir dabei sind, den Kampf gegen den Terrorismus zu verlieren.

Von Jürgen Todenhöfer

Der Autor ist stellvertretender Vorstandsvorsitzender der Hubert Burda Media AG und war in den achtziger Jahren entwicklungs- und abrüstungspolitischer Sprecher der CDU/CSU- Bundestagsfraktion.

Als ich im August 1980 mit den Mudschahedin durch das besetzte Afghanistan zog, wehten uns überall weiße Stoffwimpel entgegen. Ein jeder stand für den Tod eines Menschen. Am Ende des Krieges 1989 flatterten mehr als eine Million weißer Wimpel im Wind. Wir haben noch einiges zu tun, damit sich solches nicht wiederholt und Afghanistan nicht erneut in einen blutigen Bürgerkrieg versinkt und sich ein monströses Massaker wie jenes vom 11. September nicht alle paar Monate wiederholt.

Die Amerikaner haben in Kabul die Falschen an die Macht gebombt. Die Nordallianz vertritt vor allem afghanische Minderheiten wie Tadschiken, Usbeken, Hazaras und Turkmenen. Ihr Führer Burhanuddin Rabbani ist selbst Tadschike. Eine neue afghanische Koalitionsregierung wird aber nur bestehen, wenn sie von einem Paschtunen, einem Vertreter der größten Bevölkerungsgruppe, geführt wird. Es könnte sonst wie 1993, als Rabbani schon einmal die Macht in Kabul übernommen hatte, wieder zu einem Bürgerkrieg oder sogar zur Spaltung des Landes kommen. Eine Spaltung würde vor allem Pakistan destabilisieren. Pakistans Präsident Musharraf wird es ohnehin schwer haben, seinem Volk klarzumachen, daß durch sein Bündnis mit den Vereinigten Staaten in Kabul erklärte Gegner Pakistans an die Macht gekommen sind.

Nicht die Amerikaner, sondern die Afghanen selbst sollten Bin Ladin jetzt ausschalten. Bin Ladin hat mit seinen feigen Terroranschlägen gegen Unschuldige schließlich nicht nur den Freiheitskampf der Afghanen, sondern auch den Islam verraten. Bin Ladin möchte als Märtyrer sterben. Er will der Weltmacht Amerika unterliegen, nicht aber afghanischen Kämpfern. Man wird nicht zum Märtyrer, wenn man von afghanischen Muslimen ausgeschaltet wird. Seine Ergreifung oder Tötung durch die amerikanische Supermacht würde ihn zu einer mythischen Gestalt, zu einem Robin Hood des Islamismus, erheben. Diese Ehre sollten wir ihm nicht erweisen.

Mit den Taliban haben die Amerikaner das falsche Schwein geschlachtet. Die Taliban haben, egal, ob sie nun im Hindukusch, der mächtigsten Trutzburg der Welt, weiterkämpfen oder in den Untergrund sickern, in der Bombenschlacht verloren. Sie sind genauso wie Bin Ladin keine Träne wert. Sie haben die afghanische Kultur, das afghanische Volk und vor allem die afghanischen Frauen in übelster Form unterdrückt. Als Schutzmacht des islamischen Terrorismus spielten sie jedoch nur eine drittklassige Rolle. Keiner der Selbstmordattentäter vom 11. September war Afghane. Fast alle waren Saudis.

Afghanistan wurde und wird bombardiert, weil es das ärmste Land der Region ist und weil es die wenigsten Freunde hat. Afghanisches Blut ist billiger, wie der von den Taliban ermordete Abdul Haq einmal bitter gesagt hat. Die entscheidenden Paten des internationalen Terrorismus sitzen in Saudi-Arabien und in den arabischen Emiraten. Aber welcher amerikanische Präsident legt sich schon mit den reichen Erdölstaaten an?

Die Amerikaner haben mit dem Bombenkrieg Haß in die Herzen der islamischen Welt gepflanzt. Der militärische Erfolg im Kampf gegen die Taliban ist ein Pyrrhussieg. Millionen radikale junge Muslime auf der Welt werden Rache schwören, dafür, daß das reichste Land das ärmste Land der Welt in Grund und Boden gestampft hat. Einige Kenner der islamischen Welt sind der Auffassung, daß mit dem Fall Kabuls der Kampf gegen den islamischen Terrorismus fast verloren ist. Und dieser Kampf ist ungleich wichtiger als der Krieg gegen die Taliban.

Die Entscheidung, den islamischen Terrorismus mit konventionellen Kriegen und mit Bomben auf Städte zu bekämpfen, ist der Kardinalfehler der Antiterrorpolitik. Verteidigungsminister Rumsfeld hat vor einigen Tagen erklärt: "Al-Qaida ist nur eine von 46 Terrororganisationen weltweit. Da gibt es noch viel zu tun." Heißt das also, wenn Afghanistan erledigt ist, wird in anderen Ländern weitergebombt? Glauben die Amerikaner wirklich, man könne sich eine gerechte Welt zurechtbomben?

Der Westen muß jetzt zeigen, daß er nicht nur für militärische Stärke, sondern auch für Gerechtigkeit und Menschlichkeit steht. Nur dann erhält der islamische Terrorismus keinen Zulauf mehr. Dafür braucht es eine moralische Koalition gegen den Terrorismus. Diese aber kann es nur geben, wenn wir aufhören, uns ins Unrecht zu bomben. Sobald die Taliban ausgeschaltet sind, sollte ein großzügiger Marshallplan für Afghanistan in Kraft treten.

Die Entwicklungshilfe auch für die übrigen islamischen Länder sollten wir verstärken. Der Krieg gegen die Armut ist billiger und wirkungsvoller als der Krieg gegen die Armen. Wir müssen endlich in einen partnerschaftlichen Dialog mit der islamischen Welt eintreten und aufhören, so zu tun, als gäbe es keine Alternative zum amerikanischen Kulturmodell, das für die meisten Menschen beim Geldverdienen aufhört. Und wir - oder gerade die Amerikaner - müssen stärker in den Nahostkonflikt eintreten und die Rolle des ehrlichen Maklers übernehmen.

Die Afghanen haben das Recht, ohne Taliban, ohne Usama Bin Ladin, aber auch ohne unsere Bomben in ihrem Land zu leben. Irgendwann haben auch die Kinder dieses geschundensten Landes der Welt einen Zipfel vom Glück verdient. Unseren Kindern wünsche ich, daß sie in eine Welt hineinwachsen, in der es die Geißel des internationalen Terrorismus nicht mehr gibt, weil sich die Politik nach Bismarcks weisem Satz richtet: "Die Politik hat nicht zu rächen, was geschehen ist, sondern dafür zu sorgen, daß es nicht wieder geschieht."

Frankfurter Allgemeine Zeitung, 22.11.2001

Leer
Home
Veranstaltungen
Newsletter DKP Online
Infobrief IDDD
das rote blatt
Fraktion DIE LINKE.
Programm & Diskussion
Weitere Artikel:
· Demokratie & Antifa
· Krieg & Frieden
· Arbeit & Soziales
· Jugend & Bildung
· Frauen
· Umwelt
· Geschichte
· Chemie-Werker Merck
· Kranichstein
· Unser Weg
Kontakt/Service:
· EMail an uns
· Datensicherheit
· Ausgang, Links


Google

Fünf-Finger-Turm

(RSS)
Leer