DKP Homepage Logo PDS DKP Offene Liste DKP Darmstadt
info@dkp-darmstadt.de

Karl Esselborn

Von Anstand, Sitten und Koketterie

Ein Übel hat, wie überall, also auch hier das starke Militär erzeugt. Wegen der Frequenz der vielen ehelosen Menschen werden öffentliche Häuser notwendig, und obendrein wird die häusliche Glückseligkeit sehr gestört. Die schöne Montur des jungen wohlgebildeten und nervigen Kriegers füllt alle Sinne der verheirateten und unverheirateten Damen; daher auch hier die alten Klagen über die eben nicht delikaten Romane einer unplatonischen Liebe häufig ertönen.

In Darmstadt ist aber nur das Echo von der wahren Stimme in den preußischen Landen. Das schöne Geschlecht neigt sich hier schon mehr zu einem ungezwungenern Umgang, drückt sich leichter und feiner aus, die Manieren und selbst das Kompliment sind nicht so steif als im Norden von Deutschland. Hier ist nur ein solcher Anstand, wenn auch nicht immer, doch größenteils ein Pendant der Koketterie.

Um nicht ungerecht gegen die hiesigen Schönen zu sein, muß man wohl bedenken, daß eine bessere Lebensart und ein milder Himmelsstrich auf Anstand und Sitten einen eigentümlichen Einfluß haben. Meistenteils sah ich schlank gewachsene Personen und wohlgebildete Gesichter unter dem weiblichen Geschlecht, das meistenteils sehr geschmackvoll gekleidet war. In Hinsicht des Putzes hat hier, und ich glaube überall, die Französische Revolution das Verdienst, daß sie die ehemals herrschende Einförmigkeit, womit die Modegöttin manch schönes Kind tyrannisierte, verbannt und eine große Mannigfaltigkeit der Formen, die vielen günstig ist, erzeugt hat.

Da ein allgemeines Urteil sowohl im Guten als auch im Bösen wegen der vielen Ausnahmen ungerecht zu sein pflegt, so will ich nicht im allgemeinen über die Sittlichkeit des weiblichen Geschlechts an diesem Ort urteilen, sondern das Urteil der Männer vortragen. Es gibt unter denen, die ein Weib ernähren könnten, erstaunlich viele Ehelose, alte Hagestolze.

Diejenigen, die heiraten, wählen meistenteils auswärts, vorzüglich suchen sie weibliche Tugend, Häuslichkeit, Sittsamkeit, Sparsamkeit und Wirtschaftlichkeit auf dem Lande. Hier sind, wie überall, Vorurteile im Spiel: in dem Geburtsort lernt ein jeder den andern von Kindheit an mit allen Fehlern und Schwachheiten kennen; das Bild der Kinderjahre wird mit hinübergenommen in das männliche Alter; nur selten überwiegen Schönheit, Vermögen, Tugenden, eine gewisse von Jugend auf genährte Liebe die nachteiligen Vorstellungen.

Im gemeinen Bürgerstande, wo das Herkommen gilt, bleibt man dagegen gern am Geburtsorte. Die auswärtigen Schönheiten aber erscheinen als Erwachsene in einem vorteilhaften Licht; sie haben es in ihrer Gewalt, gerade denjenigen Anstand in Sitten und Betragen zu wählen, wodurch sie glauben, sich am meisten geltend zu machen. Indem sie also die ungünstigen Seiten oft so künstlich zu verstecken wissen, daß sie selbst bei einer längern und vertrautern Bekanntschaft verborgen bleiben, so erregen sie die vorteilhafte Meinung von sich, daß sie von den Untugenden des weiblichen Geschlechts an dem Geburts- und gewöhnlichen Aufenthaltsort befreit sind.

Daher findet man unter den höheren Ständen gewöhnliche Fremde, die einheimische Schöne, und einheimische Herren, die Weiber von fremden Orten heiraten.

Leer
Home
Veranstaltungen
Newsletter DKP Online
Infobrief IDDD
das rote blatt
Fraktion DIE LINKE.
Programm & Diskussion
Weitere Artikel:
· Demokratie & Antifa
· Krieg & Frieden
· Arbeit & Soziales
· Jugend & Bildung
· Frauen
· Umwelt
· Geschichte
· Chemie-Werker Merck
· Kranichstein
· Unser Weg
Kontakt/Service:
· EMail an uns
· Datensicherheit
· Ausgang, Links


Google

Fünf-Finger-Turm

(rss@dkp.de)
Leer