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"Pappersindustrie"Zu dem Arbeitskampf in der finnischen PapierindustrieSeit nunmehr 4 Wochen sind über 30 000 Beschäftigte (ca. 25.000 Mitglieder der Papierarbeitergewerkschaft, der Finnischen Gewerkschaftszentrale- FFC-) und 7000 der dem FTFC angeschlossenen Angestellten) der Papierindustrie Finnlands ausgesperrt. Die Aussperrung folgte unmittelbar dem Beschluss des Papierarbeiterverbandes, den Forderungen der Unternehmen der "Skogindustri" (Unternehmen der Papierherstellung) nicht nach zu kommen und ihre Forderungen durch einen dreitägigen Streik Nachdruck zu verleihen. Die Aussperrung soll bis mindestens zum 29. Juni aufrechterhalten bleiben, sollte es nicht zu einer Schlichtung unter Leitung eines "Reichsschlichtungsmannes" Bedeutung der Holz- und PapierindustrieDieser Arbeitskampf ist der bedeutendste seit nunmehr 20 Jahren. Er findet statt in einer Branche, die neben der Elektronikbranche (Nokia) und dem Bau von Maschinen für die Papierverarbeitung, die größte wirtschaftliche Bedeutung besitzt. Ein Name ist uns auch in Deutschland bekannt, UPM Kymmene, sie unterhalten Wälder und Produktionsstätten auch wohl in Brandenburg. Nach dem Zusammenbruch der finnischen Wirtschaft mit dem Ende der Sowjetunion, die etwa 40% des finnischen Exports abgenommen hatte, war die Arbeitslosigkeit dramatisch gestiegen. Aufgefangen wurde dieser Zusammenbruch weitgehend durch den Erfolg des ursprünglich zur Papierindustrie? gehörenden Betriebes Nokia. Nokia und der IT-Cluster rund um Nokia, der aus rund 6000 Unternehmen besteht, erwirtschaftet etwa zehn Prozent vom BIP, 20 Prozent des Gesamtexports geht auf Nokia zurück. Der zweite dominante Wirtschaftszweig ist die Holz- und Papierindustrie. Diese ist nach Nokia Finnlands wichtigste Quelle von Exporteinnahmen. Der Konflikt in dieser Industrie ist daher von entscheidender Bedeutung für die finnische Wirtschaft - aber ebenso für die finnischen Arbeiter, die in den vergangenen 15 Jahren ihren gewerkschaftlichen Organisationsgrad stark verbessert haben. Diese Stärkung der organisatorischen Kraft hat bisher nur zu einer Stärkung ihrer (friedlichen) Verhandlungsposition geführt [siehe Kasten Die Globalisierung beginnt...]. Der Widerstand der Papierarbeiter gegen die Pläne der Unternehmerseite ist der erste umfassende Versuch sich nach so einer langen Zeit der Ruhe, sich anderer Mittel zu bedienen. Die Kollegen sind aber zutiefst empört und beleidigt, und wollen sich gegen den Angriff des Unternehmerlagers wehren Worum geht es?Die Papierunternehmer:
Papierunternehmer hatten bereits im Herbst eine Kampagne zwecks Senkung der Lohnkosten gestartet.( s. unten), wenn es nicht zu einer ganzheitlichen Lösung käme würde man außer Landes gehen. Die Gewerkschaft ihrerseits betonte, dass die Produktivität der finnischen Produktionsstätten zu den höchsten in der Welt gehöre. Die Lohnfrage scheint für die Gewerkschafter nicht die entscheidende Rolle zu spielen und auch nicht die Feiertage, für die ein Äquivalent von 1600Euro plus 6 zusätzliche Urlaubstage im Schlichterangebot stehen. Es sind die Karenztage, die Zersplitterung des Urlaubs, die Beschäftigung von externen Arbeitskräften, die nicht dem Tarifgebot unterliegen.. Das Vorgehen der Unternehmer wird mit einer ungeheuren Wut wahrgenommen. Es dauert lange, bevor das, was zwischen den Ohren der Finnen abläuft, sich in Aktion niederschlägt. Diesmal war es soweit. Das Vorgehen der Unternehmen wird als völlig neue Qualität unternehmerischen Gebarens wahrgenommen, als Spitze des Eisbergs im Verhalten einer neuen Managergeneration, die ständig auf die Globalisierung verweist, und wie Stora Enso (finnisch-schwedisch) ihren Hauptsitz (London) längst ins Ausland verlagert haben. Für die ausgesperrten KollegInnen bedeutet dieser Arbeitskampf der Verlust von einem sehr guten Einkommen, was bei durchschnittlich 3000 Euro liegt. Das tägliche Unterstüzungsgeld beträgt nun 16 Euro. Der volkswirtschaftliche Verlust ist bei der Bedeutung der Holz- und Papierindustrie erheblich. Eine Kleinstadt wie Jacobstad (Pietarsaari, finnisch), in der ca. 1000 Menschen in der Papierindustrie beschäftigt sind, beträgt der Verlust an Steuereinnahmen um die 100 000 euro per Tag. Die Geschäftsleute sind ebenfalls erheblich betroffen. UPM steht für 70% der Gemeindesteuereinnahmen. Der Beschluss, dem Verlangen der Kapitalisten (Unternehmer) nicht nachzukommen, wurde am letzten Wochenende auf dem Kongress der Gewerkschaft der Papierarbeiter, einem der mitgliederstärksten Verbände der hochorganisierten Arbeiterbewegung Finnlands, mit großer Mehrheit bestätigt. "Das ist ein geeinter und kampfhungriger Papierarbeiterverband, der seinen Kongress im Volkshaus in Hagnäs in Helsinki abhält. Die völlig neue, niemals zuvor gezeigte Taktik, seine Verhandlungsforderungen so durchzusetzen, hat widersprüchliche politische Einschätzungen unter den Mitgliedern und den Vertretern des Papierarbeiterverbandes zusammengeschweißt. Nun stehen die Kongressdelegierten einiger als je zuvor gegen das gemeinsame Böse, nämlich die Arbeitgeber, die nunmehr für bald vier Wochen für tausende von Arbeitern die Fabriktore geschlossen halten und damit die Einkommen von durchschnittlich um die 3000 Euro im Monat auf 16 Euro per Tag senken". (aus Hufvudstadsbladet, 10.6.05 ,bürgerliche schwedischsprachige Tageszeitung in Helsinki) Als großer Held wurde auf dem Kongress Jouko Ahonen, erst seit 2 Jahren kommissarisch im Amt, als Vorsitzender der Gewerkschaft gewählt. Er ist einer der letzten, die aus der Arbeiterklasse ihren Weg durch lange Betriebsarbeit in die Führung des Verbandes gefunden haben. Sein Vorgänger war Jurist und ging nach Brüssel in das gemeinsame Büro der Gewerkschaften (EGB oder des finnischen Dachverbandes?). Ahonen ist Sozialdemokrat. Jouko Ahonen steht einer Gewerkschaft vor, die "...äußerst selten zur Waffe des Streiks gegriffen hat. Unter seiner bald hundertjährigen Geschichte hat dieser Verband nur ein einziges Mal einen landesweiten Streik im Zusammenhang mit Tarifverhandlungen eingeleitet." (Vasabladet) Bei einer langen Aussperrung kann der Produktionsausfall durch die Erzielung höherer Preise kompensiert werden Nach Aussage von Ahonen ist das Vorgehen der "Skogsindustri" nicht nur darauf gerichtet, die Arbeiter in die Knie zu zwingen, sondern auch darauf gerichtet, die Papierpreise um 1-3% zu erhöhen, was erheblich ist bei dem Umsatz der Papierindustrie im Bereich von 30-40 Milliarden Euro. Darüber hinaus erhöht eine lange Aussperrung auch das Angebot an Holz, was wiederum die Preise senkt. Mittlerweile befasst sich auch Emcef, der europäische Zusammenschluss der Gewerkschaften des Gruben-, Chemie- und Energiesektors mit diesem Aspekt der Arbeitskampfmaßnahmen der finnischen Holz- und Papierunternehmen. Es kann sich um einen Verstoß gegen die Konkurrenzregeln und um Kartellbildung handeln. Reaktion des FFC (Zentrale der finnischen Gewerkschaften)Exkurs: Zu den Besonderheiten des finnischen Gewerkschaftswesen gehörte und gehört wohl auch jetzt noch in Zeiten der Kompatibilität der politischen Vorstellungen der "Linksparteien", dass in den unterschiedlichen Verbänden entweder ein Mitglied der "Volksdemokraten" ( Zusammenschluss von Kommunisten und Linkssozialisten) oder ein Mitglieder der "Sozialdemokraten" stand.. So zum Beispiel bei den Metallern ein "Sozi" und bei den Bauarbeitern ein "Volksdemokrat". Die Stellvertreter wurden dann von der jeweils anderen Partei gestellt. Diese Tradition wird auch jetzt noch nach der gesichtslosen Transformation der ehemaligen "Volksdemokraten" in folge des Zusammenbruchs der SU zum "Vänsterförbund", programmatisch ungefähr gleichzusetzen mit der PDS, beibehalten. Als Zentrale will man nichts unternehmen, man überlässt es den Einzelgewerkschaften zu reagieren. Da es bisher, trotz "generöser Angebote" der Arbeitgeber (1600 Euro plus 6 Tage Extraurlaub) nicht zu einer Einigung kam, kam es in anderen Verbänden des FFC und weiterer Gewerkschaftsverbände zu Solidaritätsaktionen in dem Bereich der Papierindustrie:
Schon jetzt beklagt sich die Branche, dass die bis heute Schlichtungsvorschläge weit über das geplante hinaus gehen. Die am 14. Juni. wieder aufgenommenen Verhandlungen wurden ohne Ergebnis wieder abgebrochen, die Aussperrung wird fortgesetzt. Hoch die Internationale SolidaritätIn Schweden beschloss bereits am 7. April die Gewerkschaft der Papierarbeiter, dass ihre Mitglieder keine Arbeiten verrichten werden, die eigentlich in Finnland verrichtet werden, also keine Streikbrecherarbeit verrichten werden Der zweite Schritt war die Überstundenblockade während der finnischen Streiktage zwischen dem 16. und 18. Mai in 10 Betrieben von Stora-Enzo Der dritte Schritt, eine wochenlange Überstundenblockade, wurde in sechs Fabriken mit finnischen Eignern am 25. Mai eingeleitet. Anbetrachts der knappen Besetzung der Anlagen wird mit harten Folgen für die Produktion gerechnet. "Wir haben gesagt, dass wir bereit sind die erforderlichen Schritte zu gehen. Das ist ein Kampf zur Verteidigung der Kollektivverträge, sagte Olovsson" (Tarifsekretär der schwedischen Papierarbeitergewerkschaft) Auch der Europäische Gewerkschaftsbund hatte seine Unterstützung für streikenden, nunmehr ausgesperrten Arbeiter und Angestellten der finnischen Papierindustrie zugesagt, was davon gehört?? Zusammenfassung zweier Leitartikel der linken Wochenzeitung Ny Tid"Die Globalisierung beginnt sein bedrohliches Gesicht zu zeigen" Im letzten Herbst richtete sich die "Skogsindustri" (Holz/Papierindustrie) in einer umfassenden Annoncenkampagne gegen die "allzu guten Löhne" der Papierarbeiter. Die Kampagne führte zur Verwunderung, gewöhnlich versucht man Verhandlungsfragen am Verhandlungstisch zu lösen und darüber hinaus sachliche Beziehungen zwischen Arbeitgeber und Arbeitnehmer aufrechtzuerhalten. Aber offensichtlich ging die "Skogsindustri" zu dem Zeitpunkt bereits zu einer aggressiveren Taktik über. Man wollte so kräftige Verschlechterungen der Bedingungen in der Branche durchdrücken und damit die Gewerkschaft zur Ablehnung der Forderungen bewegen und sie in einen Arbeitskampf zwingen. Die Aktionen können einen Wendepunkt in der Arbeitsmarktpolitik Finnlands bedeuten. Die Arbeitgeber verweisen stets auf die Globalisierung, die die Konkurrenzbedingungen schärft. Die finnischen "Skogsunternehmen" haben neue Fabriken in China, Indonesien gebaut. Uruguay ist das Ziel neuer Projekte. In Folge der Erwartungen auf mehr Profit hat bereits das Unternehmen "Perlos" kürzlich beschlossen sein modernstes Werk mit 600 Beschäftigten in Finnland zu schließen, um in China 3 neue Werke zu eröffnen. Fast die Hälfte der 2300 dort Beschäftigten trägt mit Fristverträgen (1-mehrere Wochen) dazu bei, entsprechend der Dringlichkeit einsatzbereit zu sein. Die Hinwendung zu schnell wachsenden Eukalyptusplantagen stellen den Standort Finnland als Papierproduzent in Frage. Es zirkuliert bereits eine Schlachtliste mit 10 Fabriken mit über 5000 Beschäftigten. Viele befürchten, dass die Offensive der "Skogindustri" ein Startschuss für eine breitere Kampagne zwecks Verschlechterung der Arbeitsbedingungen in der ganzen Industrie im Namen der Globalisierung bedeutet. Das kann bedeuten, dass die Zeichen für längere Zeiten auf Kampf stehen. (eine verkürzte Zusammenfassung) |
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