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Reisebericht aus JugoslawienWer also ein Monatsgehalt von 50 DM übrig hat ...Endlich waren wir da - nur wo ?! Schon in Jugoslawien, wohl auch im näheren Belgrader Umland. Allerdings nicht in Kovin, wo unser kleines, feines und mobiles Einsatzkommando ursprünglich mit einem Bus voll Hilfsgüter den Rohbau für ein Haus des serbischen Roten Kreuzes (SRK) fertigstellen sollte. Dieses Projekt, initiiert von der DKP-Chemnitz/Zwickau platzte zwei Tage vor der geplanten Abfahrt. Unseren Gastgebern waren in letzter Minute die Geldmittel gestrichen worden. So stellte sich sehr schnell heraus, dass wir zwar mobil waren, ansonsten aber eher ein "Katastrophen"-Kommando. Mit gespannten Nerven warteten wir, um dann über das jugoslawische Konsulat eine Einladung aus einer uns völlig unbekannten Kleinstadt namens Zagubica zu bekommen. Durch dieses hin und her hatte unsere Gruppe nun schon familiäre K-Gruppen Größe angenommen. Zwei Tage fuhren wir und staunten nicht schlecht, als sich die unbekannte, kleine Stadt als ein Distrikt von 750km² mit 17.500 Einwohnern herausstellte. Mitten im Gebirge gelegen ist das Gebiet weitgehend abgeschnitten und durch eigene Landwirtschaft komplett selbstversorgend. Zagubica gehört zu den 24 ärmsten Distrikten Jugoslawiens. Wir wurden offiziell im Rathaus empfangen und bekamen sofort Chauffeure und Übersetzer zur Verfügung gestellt, die uns mit viel Engagement und Geduld durch sämtliche Ambulanzen, Schulen, Kindergärten usw. führten. Sofort bekamen wir die Herzlichkeit der dort lebenden Menschen zu spüren, die uns halfen wo sie konnten. Durch ein ausgeklügelte Programm bekamen wir schnell einen groben Überblick über der Situation in Zagubica. Die Armut ist sehr groß, durch die Weite des Gebietes aber nicht wirklich zu erfassen. In der sogenannten Volksküche wird täglich kostenlos an einige Hundert Menschen - hauptsächlich Rentner und Kosovo-Flüchtlinge - festes Essen, mindestens ein Laib Brot und ein Liter Suppe ausgegeben. Die "Küche" besteht aus zwei Tischen, einigen Plastikkörben, einem Kanister und einem Topf für Suppe und festes Essen. Sämtliches Nahrungsmittel sind eine Spende des Internationalen Roten Kreuzes. In den Ambulanzen ist die Situation katastrophal. So ist zwar auch dort die Behandlung sowie die Ausgabe der Medikamente, wie die das Essen der Volksküche kostenlos. Ein nettes Überbleibsel aus sozialistischen Zeiten, aber vollkommen absurd, fehlen doch sämtliche medizinische Geräte und auch die Apotheken sind praktisch leer. Hier greift das Embargo. Ein Arzt erklärt uns achselzuckend, rund die Hälfte der Patienten würden sich ihre Medikamente privat, überteuert und in höchst zweifelhafter Qualität besorgen. Im Labor einer Ambulanz sind wir uns nicht mehr sicher, ob wir uns nicht in einem schlecht geführten Museum für antike medizinische Geräte befinden ... Eine Zentrifuge aus den 30er Jahren ist wohl nur noch mäßig funktionstüchtig. Um zu zeigen, dass das Mikroskop auch nach Jahrzehnten einsatzfähig ist, klemmt sich ein eifriger Arzt demonstrativ dahinter. In allen Ambulanzen das gleiche Bild und immer die gleiche Antwort: Notfälle, schwere- und chronische Krankheiten sind hier nicht zu behandeln und auch kleinste Notoperationen können nicht durchgeführt werden. Die Patienten werden in das das 60km entfernte Petrovac gebracht, von dort geht es meist weiter nach Belgrad. Drei mal in der Woche fährt ein kleiner Bus Zagubicas Dialyse-Patienten nach Petrovac - ein Horrortrip von mindestens zwei Stunden auf schlechten Straßen die Berge hinauf und hinunter. Inständig werden wir gebeten ein Dialysegerät zu beschaffen. Ja, wir werden es versuchen, sagen wir und wissen doch, dass das ein hoffnungsloses Unterfangen sein wird. Besonders gebraucht werden Asthmamedikamente, Antibiotika und EKG-Geräte. Die Versorgung von Diabetikern ist hier unmöglich. Genug gesehen haben wir nun also, um sämtliches medizinisches Material, Medikamente, Spritzen, Verbände und Geräte dort hinunter zu schaffen. Nicht ganz so erschreckend ist der Zustand der Schulen des Ortes. Mindestens einmal am Tag gibt es dort gratis Essen für die Kinder und Jugendlichen. Zwar ist wenig Lehrmaterial vorhanden und die Räume werden bei -15° mit Holzöfen geheizt, aber die Klassen sind klein und die Lehrer ausreichend. Hier fehlt es vor allem an "Kleinigkeiten" wie Bleistiften, Kulis, Heften und Hygieneartikeln, die sich die Familien kaum leisten können. Von morgens bis nachmittags notieren wir eifrig und schmieden Pläne für den nächsten Transport. Am Abend und in der Nacht sitzen wir mit den unterschiedlichsten Menschen auf der Straße und vor Kneipen. Trotz knapper Kasse will uns jeder einladen - zu einem Sljivovica, einem Bier, aber am liebsten gleich zum Essen nach Hause. Von einem Arzt, dessen Praxis wir besichtigt hatten, werden wir von der Straße weg an einen Tisch gezogen. Über drei Sprachen hinweg erfahren wir, dass er vor dem NATO-Krieg 2000DM im Monat verdiente. Jetzt verdient er 70DM. Ungläubig fragen wir nach, von allen Seiten werden uns nun lauthals Monatslöhne zugerufen. Ein junger Ingenieur verdient 50DM, die Schulleiterin der staatlichen Schule 70DM, der staatliche Tierarzt des Ortes 200DM. Eine Frau schimpft, sie habe schon wieder zwei Stunden für Zucker angestanden und dann doch nichts bekommen. Den Zucker, der schwarz verkauft wird, kann sie sich aber nicht leisten. Alles, wirklich alles ist zu bekommen in Jugoslawien - man muß nur das nötige Kleingeld haben. Durch das Embargo blüht der Schwarzmarkt. Öl, Benzin, Zucker - Güter, die für "Normalverdienende" unerschwinglich sind. Wir machten aber auch andere Erfahrungen. Zagubicas Bürgermeisterin, Mitglied der Jugoslawischen Linken (JUL), bestand auf den gesamten Hilfstransport, was ihr natürlich nicht zu verübeln ist. Der Transport war allerdings komplett auf das ursprüngliche Ziel Kovin abgestimmt und so bestanden wir darauf, wenigstens drei Teile; einen Kessel für die dortige Armenküche und einen Computer für die Psychatrie u.a.; dorthin bringen zu dürfen. Nach langem hin und her wurden wir schließlich vor die unschöne Wahl gestellt: Zagubica oder Kovin. Alternativlos entschieden wir uns für Kovin, versprachen aber dennoch, der nächste, bereits für Ende Oktober geplante Transport würde nach Zagubica gehen. Großzügig wurde uns dann nicht nur das Hotel bezahlt, sondern auch versprochen, den Transport von der ungarischen Grenze an zu übernehmen und uns so die Fahrt zu erleichtern. Nun begann also alles von vorne. Zurück zum Zoll und wieder nach Zagubica, wo uns wiederum einige böse Überraschungen erwarteten. Die glücklichste Überraschung allerdings war unser zufälliges Hineingeraten in eine Hochzeit rumänischer Roma, die in einer Gruppe von 70 Menschen mitten auf dem Marktplatz tanzten und sangen. Erst nachdem wir eine Stunde mit ihnen verbracht hatten, satt und leicht angeheitert waren, war es möglich nach Kovin aufzubrechen. Von Kovin aus besuchten wir Roma-Familien, die am Rande der Stadt in verfallenen, teils selbsgebauten Hütten hausen. Auch dort wurden wir freundlich empfangen, hereingebeten und mit Getränken versorgt. Da die Zeit drängte, besichtigten wir gleichdarauf den fertigen Rohbau eines Hauses, für das die DKP-Chemnitz/Zwickau Gelder gesammelt hatte. Eigentümer des Hauses ist der alte Partisan Branko, der durch ein Unwetter obdachlos wurde. Auch hier fehlen noch Gelder um das Gebäude für den Winter bewohnbar zu machen. In Deliblato, nahe Kovin befindet sich ein Flüchtlingslager mit etwa 6oo Menschen, das wir besuchten. Auf engstem Raum leben dort Flüchtlingsfamilien aus Bosnien, Kroatien und dem Kosovo. In einem 9m² Zimmer "wohnt" seit 10 Jahren ein Familie mit zwei "Kindern", 19 und 23 - unvorstellbar. In einem etwas großzügigerem Raum sprechen wir mit einem Ehepaar. Er ist Bosnier, sie Serbin. Der Mann erzählt von der Unmöglichkeit einen Pass zu bekommen oder wenigstens anerkannt zu werden. Ihnen bleibt nichts anderes übrig, als in Deliblato auszuharren. Es ist so makaber, dass er das Gesicht zu einem Lächeln verzieht. Mit Tränen in den Augen und Blick auf den Boden dagegen sagt seine Frau leise, alles wäre nicht so schlimm, wenn sie nur ihren Kindern etwas bieten könne. Im Flüchtlingsheim fehlt es an Geschirr und Mobiliar. Die Menschen dort finden außer auf einem Sportplatz für die Jüngeren keinerlei Ablenkung oder Beschäftigung. Niedergeschlagen fahren wir zurück. Auf dem Weg an Kovins Psychiatrie vorbei, erfahren wir, dass hier während der Bombardierung einer nahen Brücke 3-4 Menschen bei einer Massenpanik ums Leben kamen - ein Bericht, der die gedrückte Stimmung nicht gerade anhebt. Wie gerne würden wir auch dort helfen. An unserem letzten Tag steht Belgrad auf dem Programm. Einen Kranz legten wir an dem Gedenkstein der Opfer des Bombenangriffs auf das RTS Gebäude im April 1999 nieder. 16 Angestellte kamen ums Leben. Danach fuhren wir im Auto des Koviner Oberbürgermeisters die "Verbrannte Straße" hinunter. Dies ist die Straße, in der sich sämtliche Ministerien und Botschaften befinden, die auch nach einem Jahr größtenteils noch zerstört oder schwer beschädigt sind. Die Straße verdient ihren neuen Namen, sie ist eingerahmt von rußgeschwärzten Ruinen, Gebäuden mit halber Fassade, hunderten zersplitterten Fenstern und Trümmerhaufen. Die Menschen scheinen sich an das Bild gewöhnt zu haben. Geschäftig eilen sie vorbei, ohne Blick auf dieses Überbleibsel der NATO-Agression. Auf der Rückfahrt über die Hauptverkehrsbrücke nach Belgrad werden wir aufgeklärt: diese Brücke ist eine der wenigen, welche während des Krieges nicht zerstört wurde. Auch dort standen, tanzten und sangen jede Nacht die Menschen. Aus Trotz und Rache wurde allerdings das Straßendelta, dass auf die Brücke führt, nur wenige Dutzend Meter von ihr entfernt, bis weit in die Wiesen hinein zerbomt. Immer noch befinden sich dort die Straßen im Bau, was einen Eindruck von den immensen Zerstörungen vermittelt. Versprochen haben wir, schon Ende Oktober mit den nächsten Hilfsgütern herunterzukommen. Für diesen und die darauf folgenden Transporte werden sämtliche Sach- und Geldspenden dringendst benötigt (bei Sachspenden auf alle Fälle vorher anfragen). Wer also ein Monatsgehalt von 50DM übrig hat ... Infos: Sonja.Vogel@t-online.de, Fax: 06151/591862, oder Geldspenden bitte auf das Konto: |
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