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Offener Brief an Darmstädter OB-KandidatenAuch über Täter reden"Erinnerungskultur ist wichtig" - unter dieser Überschrift berichtete das "Darmstädter Echo" von einer Veranstaltung der Wählerinitiative Jochen Partsch im Jagdhofkeller am 06. Februar 2011. Die Grüne Antje Vollmer las aus ihrem Buch "Doppelleben", moderiert wurde die Veranstaltung vom ehemaligen OB Peter Benz. Erinnerungsarbeit sei ein wichtiger Bestandteil kommunaler Demokratie wird das ehemalige Stadtoberhaupt zitiert. Benz, der die Pflege der Erinnerungskultur als wichtiges Element seiner Amtszeit versteht, hatte nach der Begegnung mit Zwangsarbeitern, dem Einrichten des "Denkzeichens Güterbahnhof" und Förderung des Films über die Brandnacht Hoffnung auf eine positive Entwicklung der Darmstädter Erinnerungsarbeit, erklärte er im Jagdhofkeller. Um nicht falsch verstanden zu werden: Wir begrüßen die Unterstützung der Stadt von Projekten wie dem "Denkzeichen Güterbahnhof" ebenso wie ihre Bemühungen um die liberale Synagoge, sowie ihre Unterstützung von Ausstellungen über das Schicksal der Sinti und Roma. Nicht vergessen werden darf aber, dass ein Großteil des Erreichten von den politisch Verantwortlichen überhaupt nicht in Angriff genommen worden wäre, wenn nicht die Hartnäckigkeit engagierter Bürgerinnen und Bürger sie dazu gedrängt hätte. Wer allerdings erinnern will, wer Vergangenheit aufarbeiten möchte, kann nicht bei den Opfern stehen bleiben. Wer an Opfer erinnert, muss auch über Täter sprechen. Hier hält sich das offizielle Darmstadt nach wie vor bedeckt. So kommt der Magistrat seiner politischen Verantwortung immer noch nicht nach und lässt es weiter zu, dass einer der wichtigsten Steigbügelhalter Hitlers mit seinem Namen das Darmstädter Stadtbild verunziert. Die Bewohnerinnen und Bewohner der Hindenburgstraße hatten 2007 der Umbenennung ihrer Straße in Marion-von-Dönhoff-Straße mehrheitlich nicht zugestimmt. Dieses Ergebnis war nach der skandalösen Vorstellung des zuständigen Dezernenten Klaus Feuchtinger und der von Stadtarchivar Dr. Peter Engels verfassten "Bürgerinformation"-Broschüre nicht anders zu erwarten. Diese Broschüre war eine eindeutige Parteinahme zur Beibehaltung des Namens Hindenburg. Auch nach neuesten Forschungsergebnissen über Hindenburg sieht der Magistrat keinen Handlungsbedarf. Selbst die Änderung eines erklärenden Zusatzschildes etwa in "Feldherr, Reichspräsident und Wegbereiter Hitlers" wurde abgelehnt. Die im April 2010 von der Stadtverordnetenversammlung beschlossene Historiker-Kommission, die eine Neubewertung der städtischen Ehrengräber vornehmen soll, hat immer noch nicht ihre Arbeit aufgenommen; der OB hat wahrscheinlich noch nicht einmal die Kommissionsmitglieder ernannt. Zur Erinnerung: Die Stadt ließ 2002 einen arbeitslosen Historiker für eine Mehraufwandsentschädigung von 3 DM und später zeitbefristet als "Verwaltungshilfskraft" an diesem Thema arbeiten. Nachdem der Historiker bei der Erforschung der Ehrengräber nicht nur auf honorige Persönlichkeiten, sondern auch auf stark angebräunte Verstorbene stieß, entledigte die Stadt sich seiner in Windeseile. Dabei hätten seine Forschungsergebnisse Anlass zum Handeln sein müssen. So bleibt es vorläufig dabei: Täter und Opfer werden in städtischen Ehrengräbern gleichermaßen geehrt. Das ist im Hinblick auf den Beschluss des vormaligen grünen Außenministers Fischer, die Ehrung von Nazis zu unterlassen, umso beschämender - insbesondere, da sein Verbot vom hiesigen Vorsitzenden von "Bündnis 90 / Die Grünen" und seinen Parteifreunden in der Stadtverwaltung in einer Interessengemeinschaft mit dem Seniorpartner im Magistrat, der SPD, regelrecht boykottiert worden ist. Der Widerwille unserer Stadtväter, die Verstrickung von Notabeln von anno dazumal anzuerkennen und historisch aufzuarbeiten, schadet unserem Ansehen in der Welt. Im fernen Kanada empörte sich u.a. der Emigrant Prof. Dr. Claude Owen, Brock University - Offenbacher hieß er vor der leidvollen Odyssee seiner Familie, die von Frankfurt über Bolivien nach Kanada führte - darüber, dass "wenig ehrenhafte Personen des Dritten Reichs hier noch in Ehren gehalten werden." "Sind kriminelle Taten 60 Jahre später nicht mehr kriminell?", fragt er. Sehr geehrter Herr Kandidat, Sie streben in Darmstadt das Amt des Oberbürgermeisters an. Uns würde Ihre Position zu der von uns geschilderten Thematik interessieren. Welche Position, welche Vorstellungen, welche konkreten Maßnahmen können wir von Ihnen erwarten? Wir haben die Form eines offenen Briefes gewählt - weil gerade über Erinnerungsarbeit und Vergangenheitsbewältigung eine öffentliche Debatte wichtig und notwendig ist. Gespannt warten wir auf Ihre Antwort. Mit freundlichen Grüßen Rainer Keil, DKP Darmstadt Nachtrag: Bis zum Redaktionsschluss hat sich keiner der sechs Kandidaten bemüßigt gefühlt zu antworten. Keine Antwort ist aber auch eine Antwort. |
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