Antisemitismus-Verdacht kassiert
Ermittlungen der Staatsanwaltschaft gegen die Michaelsgemeinde eingestellt
Wir dokumentieren im Folgenden die Pressemitteilung des Solidaritätskreis Michaelsgemeinde Darmstadt
Wie auf Anfrage im Oktober 2026 die Staatsanwaltschaft Darmstadt mitteilt, wurde jetzt nach mehr als anderthalb Jahren das Ermittlungsverfahren wegen eines Antisemitismus-Verdachts gegen die Veranstalter des Antikolonialistischen Friedensweihnachtsmarkts der Michaelsgemeinde Darmstadt (14./15.12.2024) eingestellt. "Es besteht", so die Antwort des Oberstaatsanwalts Robert Hartmann, "kein hinreichender Tatverdacht".
Der Verein Honestly Concerned (Internet-Plattform des nationalistischen Flügels der Pro-Israel-Bewegung in Deutschland) hatte behauptet, auf diesem "antisemitischen Weihnachtsmarkt" seien "Hamas-Artikel" zum Kauf angeboten worden. Mit diesen Hinweisen versehen, schickte er von einer Agentin des Vereins heimlich gemachte Fotos am 16.12.2024 an die BILD-Zeitung. BILD rahmte die Fotos mit falschen Tatsachenbehauptungen unter dem Titel "Antisemitismus-Skandal in Darmstadt. Judenhass auf dem Weihnachtsmarkt".
Volker Beck (Präsident der Deutsch-Israelischen Gesellschaft), die Jüdische Gemeinde Darmstadt (Vorstand Daniel Neumann), Uwe Becker (Beauftragter der Hessischen Landesregierung für Jüdisches Leben und den Kampf gegen Antisemitismus), die EKHN (Leitender Oberkirchenrat Dr. Fuchs-Esterhaus) und die Stadt Darmstadt (Oberbürgermeister Hanno Benz) erstatteten Strafanzeigen an die Staatsanwaltschaft Darmstadt gegen die Veranstalter des Weihnachtsmarkts "wegen des Verdachts auf Volksverhetzung" und "wegen Verwendens von Kennzeichen verfassungswidriger Organisationen".
Durch die Medienkampagne der BILD (17., 19.12.2024 u. 5.1.2025) kam es zu Morddrohungen gegen die Familie des Gemeindepfarrers. Es wurden Karrieren zerstört, Mietverhältnisse gekündigt, ehrenamtliches Engagement beschädigt.
Jedes öffentliche Angebot der Betroffenen an die Anzeigen-Steller wegen des vermeintlichen Skandals einen öffentlichen Dialog zu führen, wurde abgelehnt.Ohne das Ergebnis der Ermittlungen der Staatsanwaltschaft abzuwarten, wurde seitens der EKHN den am Weihnachtsmarkt kirchlich Beteiligten verboten, öffentlich sich dazu zu äußern. Die Michaelsgemeinde wurde geschlossen und aufgelöst.
Nachdem die Staatsanwaltschaft die Vorwürfe als unbegründet zu den Akten gelegt hat, ist es an der Zeit, dass sich die Strafantragsteller ihrer Verantwortung stellen und einer Aufarbeitung des Vorfalls zustimmen. Gefordert wird eine öffentliche Rehabilitierung der Organisatoren des Weihnachtsmarktes.
Ein bundesrepublikanisch einzigartiger Skandal ist, dass zahlreiche regionale und überregionale Medien ungeprüft und kritiklos dem Antisemitismus-Narrativ der BILD gefolgt sind. Antisemitismus war behauptet worden, wo kein Antisemitismus war. Dokumentiert ist der Medien-Skandal in der medienwissenschaftlichen Studie Hartmut Vinçons: Kirche unter Druck. Frankfurt 2025. ISBN 978-3-936985-43-6; 18,90€.